Chronische Schmerzen

„Schmerz ist, wenn es weh tut“, wird umgangssprachlich gesagt. Für eine sinnvolle Definition ist das zu wenig. Schmerz ist nicht allein vom Ausmaß einer Gewebsschädigung abhängig; sondern die Schmerzwahrnehmung hängt auch ab von subjektiven Erfahrungen, Erinnerungen, Stimmungen und soziokulturellen Faktoren. Biologisch ist Schmerz nützlich – denn er ist eine lebenserhaltende Reaktion auf alle schädlichen Reize, die entweder von außen einwirken (wie Hitze, Kälte, Druck, Gewebeverletzungen) oder im Inneren des Körpers ihren Ursprung haben (wie Entzündungen, Reizungen, Mangeldurchblutung, Verschleißerscheinungen, Tumore). 

Akuter Schmerz dauert kurz und ist gut umschrieben: Die Ursache ist bekannt und behandelbar, wie z.B. bei Prellungen, Verstauchungen, Knochenbrüchen, Zahnschmerzen, Sonnenbrand oder Blinddarmentzündung. Man könnte sagen: Akuter Schmerz ist ein Helfer für unsere Gesundheit (und kein Gegner!), denn er leitet mit seiner Warnfunktion ein schmerzmeidendes bzw. heilungsförderndes Verhalten ein. Die Ursache wird behoben, und wir erreichen Schmerzfreiheit. Chronischer Schmerz dagegen ist ein Dauerschmerz von mehr als sechs Monaten, oft über Jahre. Die Lokalisation ist unklar, kann große Bereiche umfassen, und dieser Schmerz kann nicht immer einer körperlichen Ursache zugeschrieben werden. Somit: Die Ursachen des chronischen Schmerzes sind nicht bekannt oder nicht vollständig erklärbar – oder bekannt, aber nicht heilbar. Er ist somit kein Wegweiser und verliert auch seine Warnfunktion. Stattdessen wird der Schmerz selbst zur Krankheit – mit vielfältigen und oft langfristigen Folgen und Beeinträchtigungen des ganzen Menschen in unterschiedlichen Lebensfeldern, wie z.B. in seiner sozialen Eingebundenheit, im Beruf, in der Partnerschaft, in der Familie und in der Freizeit. Viele Patienten unternehmen unzählige Behandlungsversuche, die Hoffnungslosigkeit, Resignation und erlernte Hilflosigkeit bewirken. Chronischer Schmerz hat oft auch eine Reihe von Begleitsymptomen: Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Appetitmangel, Reizbarkeit und eine Einengung der Erlebnisfähigkeit. Therapieziel ist dann, weil die Ursachen sowie die Folgen vielfältig sind, eher eine Schmerzlinderung zur Verbesserung der Lebensqualität – vor allem aber: Ein anderer Umgang mit dem Schmerz, der zu viel Macht über mich bekommen hat und mich zu sehr behindert.

Behandlungsstrategien bei chronischen Schmerzen sind in unserer Klinik in unterschiedlichen Settings (Einzel- und Gruppentherapie, psycho- und fachtherapeutisch) u.a.:

  • Erarbeitung eines Krankheitsmodells, das individuelle Faktoren der Schmerzentstehung, -wahrnehmung und -verarbeitung berücksichtigt und aus dem dann Veränderungsziele und der Behandlungsplan abgeleitet werden
  • Körpermedizinische Maßnahmen (u.a. Konsiluntersuchungen, Optimierung der medikamentösen Therapie mit Schmerzmitteln, aber auch z.B. Antidepressiva)
  • Erarbeitung von aktiven Strategien zur Schmerzbewältigung
  • Förderung der Schmerzakzeptanz (anstelle von Hilflosigkeit und
  • Erarbeitung eines Verständnisses von Funktionalität der Schmerzen
  • Abbau von passivem Schonverhalten
  • Erlernen, Einüben und Verstetigen von Entspannungsverfahren, Stressbewältigungsstrategien und sozialen Kompetenzen
  • Erhöhung des Selbstwertgefühls
  • Sport- und Bewegungstherapie, Krankengymnastik und physikalische Therapie (z.T. in Zusammenarbeit mit dem Schmerzzentrum Hochrhein)
  • Ergo- und Kreativtherapie sowie Musiktherapie
  • Konsequente Mitbehandlung der Folgeprobleme wie Depression, Schlafstörungen oder Angst

Bei chronischen Schmerzzuständen gewinnt der Schmerz oft eine Eigendynamik und ist nicht länger Ausdruck einer Schädigung des betreffenden Organs.