Psychosen

Was sind Psychosen? 

Das Wort Psychose stammt aus dem Griechischen und steht für eine ernstzunehmende seelisch-geistige Krankheit. “Psychotisch zu werden“ bedeutet, die Realität verändert wahrzunehmen und zu verarbeiten. Psychotische Symptome können abhängig von inneren Wünschen und Ängsten und abhängig vom Lebenskontext ganz verschiedene Formen annehmen. Hierzu gehören u.a. akustische oder optische Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Veränderungen des Denkens, sie sich als Störungen des Denkinhaltes und/oder des Denkablaufs bemerkbar machen.

Betroffene hören z. B. Stimmen, fühlen sich unrealistisch bedroht, verfolgt oder kontrolliert, stellen unrealistische Zusammenhänge zwischen Erlebnissen und ihrer Person her, denken, dass sie die Gedanken anderer Menschen „lesen” können oder berichten, dass ihre Gedanken nicht mehr so strukturiert und geordnet sind, wie sie es von sich kennen. Häufig erscheint auch ihr Verhalten verändert, sie sind nicht mehr so leistungsfähig wie früher und ziehen sich von Freunden und Familie zurück.

In der Praxis unterscheidet man häufig Negativsymptome (Fehlen von Eigenschaften wie Affektverflachung, Antriebsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug) von den Positivsymptomen (Produktive Symptome wie Wahn, Halluzinationen, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Gedankeneingebung, Fremdsteuerung von Körperfunktionen oder des Handelns, bizarres Verhalten). 


Wie häufig kommen Psychosen vor? 

Psychosen sind relativ häufige Erkrankungen, etwa 1% bis 2% der Gesamtbevölkerung erkranken einmal im Leben daran. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen, mit einem früheren Beginn bei Männern. Das Alter beim ersten Ausbruch der Erkrankung liegt bei Männern zumeist zwischen 15 und 25 Jahren, während Frauen nach dem ersten Häufigkeitsgipfel zwischen 25 und 35 Jahren einen zweiten im Alter von 40 Jahren aufweisen. Die Spätpsychose ist daher bei Frauen häufiger. 

Etwa 20% der Betroffenen sind bei der ersten Psychose noch im Jugendalter. In diesem Altersspektrum erkranken drei von 100 Menschen. Psychosen treten also in diesem Altersspektrum häufiger auf als Diabetes.

Viele Symptome, die bei einer akuten Psychose auftreten, können sich in abgeschwächter Form bereits im Vorfeld zeigen und sind damit wichtige Frühwarnzeichen. Allerdings sind die allerersten Anzeichen einer Psychose häufig sehr schwer zu erkennen. Im Nachhinein stellen viele Menschen fest, dass ein ungewöhnliches Verhalten lange vor Ausbruch der Psychose begonnen hatte. Diese ersten Anzeichen werden oftmals dem Erwachsenwerden (der Pubertät), einem Drogenmissbrauch oder bloßer Faulheit, Arroganz oder mangelnder Kooperation zugeschrieben.

Wie entstehen Psychosen? 

Wie Psychosen entstehen, ist noch nicht bis ins Letzte geklärt. Es ist gesichert, dass manche Menschen anfälliger für derartige Erkrankungen sind als andere. Oft gibt es in der Familie von Betroffenen gehäuft Fälle von Psychosen. Neuere genetische Untersuchungen zeigen, dass es einige Risiko-Gene für das Auftreten von Psychosen gibt, dass der Beitrag dieser genetischen Risikofaktoren für die Entstehung einer Psychose im Einzelfall in der Regel jedoch sehr gering ist. Psychosen sind keine Erbkrankheiten und daher gibt es auch keine genetischen Tests für diese Erkrankungsgruppe. Umwelteinflüsse, virale - auch vorgeburtliche - Infekte und belastende Lebensereignisse können das Erkrankungsrisiko erhöhen, jedoch sind hier noch keine gesicherten Erkenntnisse vorhanden. Derzeit geht man von einem sog. „multifaktoriellen” Ursachengeschehen aus, was bedeutet, dass verschiedene Faktoren (biologische und psychosoziale) bei dem einzelnen Betroffenen zusammenwirken.

Ein integratives Erklärungsmodell zur Entstehung von Psychosen stellt das „Vulnerabilität-Stress-Modell” dar. Mit dem „Vulnerabilität-Stress-Modell” (Vulnerabilität = Anfälligkeit für eine Krankheit) ist die Anfälligkeit gemeint, in stressigen Lebensabschnitten mit psychotischen Symptomen zu reagieren. Die Anfälligkeit besteht bei allen Menschen, ist aber erhöht, wenn verschiedene Vulnerabilitätsfaktoren zusammenkommen. Stressige Lebensabschnitte sind z. B. Pubertät, Schulabschluss, Heirat, Verlust eines nahestehenden Menschen, Schwangerschaft oder kritische Lebensereignisse. Wenn diese Belastungen mit einer Vulnerabilität und nicht ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten zusammenfallen, können sie bei entsprechender Neigung zu psychotischen Symptomen führen. Trotzdem kann durch die schützende Wirkung anderer Faktoren (z. B. gute soziale Einbindung, gutes Funktionsniveau, gute Bewältigungsfähigkeiten) der Ausbruch der Psychose ausbleiben, so dass eine Erkrankung nicht unausweichlich ist.

Welche Formen (Diagnosen) gibt es?

Jede Erfahrung von Psychose ist verschieden. Eine Erfahrung mit einem diagnostischen Etikett zu versehen, ist nicht immer hilfreich. Zur besseren Behandlungsplanung ist es aber von Seiten der Behandler notwendig, verschiedene Arten von Psychosen zu unterscheiden. Diese Typen orientieren sich an der Ursache, an den vorwiegenden Symptomen und an der Dauer der Symptome. Klar ist aber, dass es Übergänge bzw. Überlappungen zwischen diesen “Kategorien” gibt. Trotz aller Vorbehalte gegen Diagnosen ist es hilfreich, sich mit einigen dieser Diagnosetypen gut auszukennen. Nur so kann man selbst reflektieren, ob die Diagnose mit den eigenen Erfahrungen übereinstimmt.

Diagnose nach ICD-10*

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Diagnose nach ICD-10*Definition
Akute vorübergehende psychotische Störung(F23) Psychotische Symptome treten dabei zumeist plötzlich und häufig als Reaktion auf einen großen persönlichen Stress auf, z. B. den Tod eines nahen Angehörigen oder ein anderes schweres Trauma. Die Symptome sind häufig sehr schwer, jedoch tritt bei den meisten Betroffenen eine schnelle Genesung ein.
Schizophrenieforme Störung(F23.2) Es gelten dieselben Kriterien wie bei der Schizophrenie, nur dass Veränderungen des Verhaltens und Symptome weniger als sechs Monate bestehen.
Schizophrenie(F20) Beschreibt eine psychotische Störung, bei der Veränderungen des Verhaltens und Symptome über mindestens sechs Monate kontinuierlich bestehen. Die Symptome und die Dauer der Erkrankung sind individuell sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu früheren Annahmen leben viele Betroffene ein glückliches und erfülltes Leben, wenn die Erkrankung rechtzeitig erkannt und leitlinienkonform behandelt wird. 
Anhaltende wahnhafte Störung(F22) Das überwiegende Problem bei diesem Typ der Psychose ist eine ausgeprägte wahnhafte Symptomatik. Andere Symptome treten nur sporadisch und in milderer Form auf.
Schizoaffektive Störung(F25) Es gelten dieselben Kriterien wie bei der Schizophrenie, nur dass gleichzeitig Stimmungsveränderungen wie Manie und/oder Depression vorliegen. Im Vergleich zur Bipolaren Störungen treten schizophrene Symptome auch außerhalb von manischen und depressiven Phasen auf.

* ICD-10: 10. Auflage der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen. Klinisch-diagnostische Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation. Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis (F2).

Wie verlaufen Psychosen?

Der Verlauf der Psychosen ist von vielen Faktoren abhängig und noch nicht ausreichend über wirklich lange Zeiträume hinweg untersucht worden. Die meisten Langzeitstudien betrachten einen Zeitraum von 5 bis 20 Jahren. In diesem Zeitraum lassen sich einige wichtige Fakten festhalten:

  • Bei 10 bis 20% der Betroffenen treten Psychosen einmalig auf, sozusagen als Ausdruck einer existenziellen Lebenskrise, deren Bewältigung die Symptome erübrigt. Sie erkranken nicht wieder. Betroffene dieser Gruppe unterscheiden sich von allen anderen durch geringeren Drogengebrauch, eine bessere Krankheitseinsicht, ein besseres Funktionsniveau vor Ausbruch der Erkrankung. Die überwiegende Zahl ist weiblich. 
  • Bei etwa 30% der Betroffenen kommt es zu erneuten akuten psychotischen Episoden, jedoch ohne weitere psychotische Symptome zwischen den Episoden. Das heißt, dass Psychosen bei anhaltender Dünnhäutigkeit in neuen Lebenskrisen erneut auftreten können, es sei denn, es gelingt, eine gewisse Vorsicht zu entwickeln, sich präventiv zu schützen und Ressourcen zu aktivieren.
  • Bei etwa 30% der Betroffenen kommt es zu erneuten akuten psychotischen Episoden mit psychotischen Symptomen zwischen den Episoden. Diese Betroffenen müssen dauerhaft mit einer gewissen Beeinträchtigung rechnen und sind gut beraten, ihr Selbstkonzept anzupassen, mit den eigenen familiären und den sozialen Ressourcen pfleglich umzugehen sowie eigene und fremde Erwartungen zu überprüfen.
  • Bei etwa 5 bis 10% kommt es direkt nach der ersten Episode zu dauerhaften psychotischen Symptomen. Das heißt, dass es bei den meisten Betroffenen erst zu dauerhaften psychotischen Erlebnissen kommt, nachdem sie eine erneute psychotische Phase hatten. Dementsprechend muss versucht werden, vor allem die zweite, aber auch jede weitere psychotische Episode zu verhindern.

Wie stehen meine Chancen auf Heilung?

Entgegen einer früher weit verbreiteten Meinung sind Psychosen keine prinzipiell unheilbaren Erkrankungen! Sie verlaufen auch nicht überwiegend ungünstig, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Der Behandlungserfolg bei Psychosen hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Erweiterung der Therapieangebote deutlich verbessert. Nichtsdestotrotz beeinflusst ein wichtiger Faktor den Verlauf ganz wesentlich: Ihre Bereitschaft, an der Therapie teilzunehmen! Ohne diese bleibt jede Therapie erfolglos!

Neben Ihrer Bereitschaft hängt der Verlauf einer Psychose auch noch von vielen anderen Faktoren ab. Die wichtigsten sind:

1. Früherkennung

Die Früherkennung von Psychosen ist wichtig, damit spezifische medikamentöse und psychosoziale Therapiekonzepte eingeleitet werden können, und so irreversiblen psychosozialen Schäden vorgebeugt werden kann. Eine lange Dauer von unbehandelten psychotischen Symptomen führt zu einer geringeren Heilungschance.

2. Ein gutes Ansprechen auf die Medikamente

Sowohl in der Akutphase als auch in der Langzeittherapie der Psychosen ist die Therapie mit Antipsychotika von zentraler Bedeutung. Je früher die antipsychotische Medikation eingeleitet wird, umso besser ist in der Regel die Langzeitprognose. Eine positive Reaktion auf die medikamentöse Therapie, d. h. das Verschwinden von Stimmen, Wahn und anderen Symptomen, ist ein wesentlicher Vorhersagefaktor für eine spätere Heilung. Doch muss die manchmal mühsame Balance zwischen Wirkung und Nebenwirkung erhalten bleiben.

3. Unterstützende Therapie

Eine positive therapeutische Verbindung zum Therapeuten oder dem Therapieteam und die Teilnahme an einer integriert psychosozialen Behandlung erhöhen den Therapieerfolg maßgeblich. Da Psychosen zumeist zu schweren Einschränkungen der sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit führen, sollte möglichst früh mit einer psychosozialen therapeutischen Begleitung begonnen werden. Hierzu gehören neben der kognitiven Verhaltenstherapie und dem sozialen Kompetenztraining auch andere kognitive Trainingsverfahren wie Beschäftigungstherapie, Arbeitstherapie und Ergotherapie. 

4. Psychosoziale Faktoren

Psychosoziale Faktoren haben eine wichtige Bedeutung als Auslösefaktoren für die Erkrankung bzw. das Auftreten von Rezidiven. Gut belegt ist der rückfallfördernde Effekt einer ungünstigen Familien-, und Arbeitsplatzatmosphäre, während eine gute Anpassung im Arbeits-, und Freizeitbereich zu den Prädiktoren für einen guten Krankheitsverlauf zählt. 

5. Eine individuelle Behandlung

Eine individuell zugeschnittene und integrierte Behandlung ist eine wesentliche Voraussetzung für die Heilung. Die Kombination von Medikamenten und psychosozialen Therapien erhöht die Heilungschancen für die meisten Betroffenen. Die Behandlung sollte folgende Merkmale erfüllen: Flexibilität, Beziehungskontinuität, Normalisierung, Ressourcenorientierung und Heilungsorientierung.

Referenzen: 

  • www.psychose.de
  • Psychische Erkrankungen: Klinik und Therapie | Mathias Berger | 5. Auflage
  • Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie: Stefan Brunnhuber | Sabine Frauenknecht, Klaus Lieb | 8. Auflage 
Psychosen

Die Betroffenen leiden unter geminderter Leistungsfähigkeit sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörung.