Beeinflusst ein langer Sommer depressiv Erkrankte? Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne klärt auf

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Beeinflusst ein langer Sommer depressiv Erkrankte? Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne klärt auf

In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an Depression. Das entspricht ca. fünf Prozent der deutschen Bevölkerung. In den dunklen Jahreszeiten Herbst und Winter leiden viele Betroffene unter verstärkten Symptomen oder unter saisonalen Depressionen. Ob ein langer Sommer depressive Erkrankungen beeinflusst, erklärt heute der Ärztliche Direktor der Rhein-Jura Klinik, Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne.

 

Gibt es eine Verbindung zwischen den Jahreszeiten und dem Verlauf/der Entstehung psychischer Erkrankungen?

 

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Jähne: Dass Herbst und Winter depressiv machen können, ist medizinisch bewiesen. Die saisonal abhängige Depression (SAD) tritt regelmäßig zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr auf – meist im Herbst. Die Symptome klingen im Frühjahr fast immer wieder ab.

 

Ob sich Herbst und Winter auch auf andere psychische Erkrankungen auswirken, ist noch nicht eindeutig bewiesen. Es gibt jedoch viele interessante Studien dazu. Ein Beispiel sind die Forscher um John Ayers von der San Diego State University. Sie haben in ihrer Studie die gesammelten Suchanfragen von Google genutzt und untersucht. Mit statistischen Methoden analysierten sie, wann und wie häufig von 2006 bis 2010 in den USA und Australien nach den üblichen psychischen Störungen gesucht wurde. Es zeigten sich klare Trends: im Sommer suchten eindeutig weniger Nutzer nach psychischen Störungen (Essstörung, Schizophrenie, ADHS, Zwangsstörungen, Depression, Angststörungen). Diese Ergebnisse kann man natürlich nicht in Fallzahlen übersetzen; dennoch lässt sich vermuten, dass dahinter reale Phänomene stehen.

 

Wie wirken sich Herbst und Winter auf Betroffene depressiver Erkrankungen aus?

 

Wenn die Tage im Herbst kürzer werden, leiden viele Menschen unter Lichtmangel. Sie gehen zur Arbeit und kommen nach Hause, wenn es dunkel ist. Den Tag verbringen sie in künstlich beleuchteten Räumen vor Computerbildschirmen. Der Lichtmangel bewirkt eine höhere Melatonin-Produktion im Körper. Das Hormon Melatonin ist für den Schlafbedarf zuständig. Dieser sinnvolle Mechanismus bewirkt, dass wir im Allgemeinen müde werden, wenn es dunkel wird. Ist die innere Uhr außer Takt geraten, produziert der Körper auch zu wenig Serotonin. Serotoninmangel kann Ursache einer Depression sein. Dieser Gehirnbotenstoff sorgt für die Informationsübermittlung von Gehirnzelle zu Gehirnzelle. Zu wenig Serotonin lässt die typischen Symptome der Depression entstehen: Denkhemmung, Gefühlshemmung, Konzentrations-, Schlaf- und auch Verhaltensstörungen.

 

Wirkt sich ein so langer Sommer wie in diesem Jahr positiv auf Betroffene aus?

 

Ja, in der Tat. Wenn es wie in diesem Jahr bis in den November hinein fast sommerlich warm ist, merken wir die Auswirkungen davon. Betroffene, die sich in der Rhein-Jura Klinik wegen einer depressiven Erkrankung behandeln lassen, sind nach einem langen Sommer in Herbst und Winter deutlich stabiler. Das liegt zum einen am andauernd schönen Wetter und am natürlichen Sonnenlicht. Zum anderen fällt es den Betroffenen leichter, körperlich aktiv zu bleiben. Sport- und Bewegungstherapie ist ein wichtiger Bestandteil in unserer Behandlung. Ein regelmäßiges Ausdauertraining (z. B. mehrmals pro Woche in der freien Natur laufen) und/oder ein regelmäßiges Krafttraining kann bei mittlerer Intensität die Symptome der depressiven Erkrankung deutlich reduzieren. Je nach Situation wird keine antidepressive Medikation benötigt. Sport ist eine unverzichtbare Komponente in einer psychiatrischen Behandlung bei Depression.

 

Welches Vorgehen empfehlen Sie Betroffenen von Depression und anderen depressiven Erkrankungen – auch in Jahren ohne langen Sommer?

 

Es gibt Studien, die zeigen, dass bei wenig bis sportlich gar nicht aktiven Personen der Depressionswert im Durchschnitt bei 48 % liegt. Bei Personen, die ein halbes Jahr vor der Messung häufig sportlich aktiv waren, liegt der Wert lediglich bei 24 %. Dieses Ergebnis zeigt, dass sportliche Aktivität das Ausmaß der Depressionsveränderung beeinflusst.

 
So gelingt die sportliche Aktivität dauerhaft:
 

  • Man ist nicht immer gleich gut drauf, testen Sie verschiedene Tageszeiten aus
  • Meiden Sie überfüllte Fitnesscenter oder nutzen Sie Randzeiten
  • Wenn Ihnen die Sportart nicht gefällt, versuchen sie etwas anderes: Schwimmen, Walking, Fahrrad- oder Rollschuhfahren, Fußball: Spaß erhöht den Erfolg!
  • Überforderung/Unterforderung: Tempo und Leistung sind nicht entscheidend, wichtiger ist die Regelmäßigkeit des Trainings
  • Legen Sie mindestens einen Tag Trainings-Pause ein
  • Vermeiden Sie Monotonie durch zu wenig Abwechslung

 

Nach unserem Kenntnisstand unterscheidet sich die antidepressive Wirksamkeit von Sport nicht von anderen Therapiemethoden wie Psychotherapie und Antidepressiva. Einige Studien sprechen dafür, dass durch gemischtes (Ausdauer und Kraft), moderat-intensives und weniger langes (bis max. 16 Wochen) Training bessere Effekte erzielt werden können.

 

Und ganz wichtig: Halten Sie sich im Freien auf! Gehen Sie mindestens eine halbe Stunde täglich spazieren, zum Beispiel in der Mittagspause. Auch bei Regen oder Schnee – selbst bei Schmuddelwetter bekommen Sie so noch die zehnfache Menge an Licht, die Sie im Büro oder Zuhause haben. Mit genügend Licht drosselt die Zirbeldrüse die Melatoninproduktion und regt die Ausschüttung von Serotonin an. Das hebt die Laune.

 

Wenn Sie das Gefühl haben, an einer Depression zu leiden, machen Sie unseren anonymen Selbsttest. Gerne können Sie jederzeit Kontakt zu uns aufnehmen, wir finden die beste Therapielösung für Sie.