ADHS: Wahre Worte eines ehemaligen Patienten

ADHS: Wahre Worte eines ehemaligen Patienten

Dies sind die wahren Worte eines ehemaligen Patienten der Rhein-Jura Klinik an seine Partnerin, die uns sehr bewegt haben:

Liebe …,

ich schreibe Dir diesen Brief, weil ich seit meinem Klinikaufenthalt viel gelernt und einiges über mich erfahren habe, was mich schon sehr lange beschäftigt hat, mir aufgefallen ist, mich aber auch beunruhigt hat: “Warum bin ich so, wie ich bin?” und warum erscheint es mir auch oft, dass vielen Menschen, die ich mag, auf mein Verhalten, formulieren wir es mal so, befremdlich bzw. irritiert reagieren. In der Klinik fand ich z.T. darauf eine Antwort, die mich zunächst einmal selbst überrascht hat: AD(H)S, d.h. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Aufgrund meines Berufes war mir das natürlich bekannt, obwohl ich, das gebe ich zu, so ganz viel Ahnung auch nicht hatte. Naja, eine Krankheit im eigentlichen Sinne ist es wohl nicht, geschweige denn irgendein Geschwür. Und jetzt brannte es in mir: Was steckt genau dahinter? Ich fand es wahnsinnig interessant und wenn ich ehrlich bin, war ich sogar froh: Es scheint so, eine für mich plausible Erklärung gefunden zu haben. Und mit Erklärung meine ich nicht, eine für mich zurechtgeschnittene Entschuldigung!

Schon lange spürte ich in mir eine ständige Unruhe, ich habe immer das Gefühl, in mir stecke irgendein Motor, der ständig läuft und der scheint, nie ausgehen zu können bzw. zu wollen. Also versuchte ich, ihn wenigstens zu drosseln: “Wenn dieses scheiß Ding nicht ausgeht, dann vielleicht wenigstens nur noch mit Standgas.” Siehe da, es geht doch. Ich merkte, dass wenn ich Alkohol trank, dieser Motor anfing, um einiges langsamer zu laufen. Manchmal hörte ich ihn sogar gar nicht mehr, und es gelang mir auch immer mehr, mal einen Boxenstopp einzulegen. Denn immer fast Vollgas fahren, ist ganz schön anstrengend. Das fand ich richtig geil! Aber eigentlich war alles ganz anders. Anscheinend war ich so schnell unterwegs, dass ich Menschen um mich herum gar nicht mehr erkannte, ich konnte sie natürlich auch nicht mehr hören. Und so überhörte ich oft die Frage oder Bitte: “Fahr bitte langsamer, ich habe Angst, pass auf die Ampel auf, die ist doch rot, bist du blind?” Manchmal ist mir nichts Besseres eingefallen als zu sagen: “Niemand muss mit mir mitfahren, steig einfach aus und fahre doch mit dem Bus.” Bremsen war wohl nicht mein Ding. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich durch andere Dinge und Gedanken langsamer fahren kann, und, ich fange an, es zu genießen!

Für den Motor gibt es keinen Schlüssel, fang bitte nicht an, ihn zu suchen, aber bestärke mich darin, langsamer zu fahren. Da brauch ich Deine Hilfe.

Meine Stimmungsschwankungen und meine Reizbarkeit belasten oft zwischen menschliche Beziehungen. Oft bin ich mit dem, was ich tue oder was ich denke so mit mir selber beschäftigt, dass ich mich durch vermeintliche äußere “Störungen” komplett überfordert fühle und zwar so, dass ich meine Emotionen nicht mehr so zu steuern vermag, wie ich es eigentlich selber gerne hätte, doch in den wenigsten Fällen richten sichdiese Ausbrüche gegen den Menschen selbst. Woher soll eine Biene wissen, dass ich durch mein ständiges Gefuchtel meiner Arme sie eigentlich nur vertreiben will, wahrscheinlich fühlt sie sich bedroht und sticht. Mir würde helfen, wenn man mich dann einfach bei mir selber lässt, denn in diesen Momenten sehe ich in irgendwelchen Small-Talk Gesprächen keinen Sinn und können mich rasend machen! Denn außer ein “Hm, ahso, ja ok” bekomme ich nichts hin und will auch nicht! Ich fühle mich dann einfach überfordert. Und ich wünsche mir, dass Menschen das respektieren. Wenn ich aber fokussiert auf etwas bin, jemanden konkret helfen kann, dann kann ich mich für eine Sache auch begeistern und bin auch gerne hilfsbereit. Ich tue mich einfach leichter, wenn ich konkret um etwas gebeten werde. Es fällt mir ein, wie soll ich diese Sache bloß lösen, kannst Du mir bei …helfen, ich schaffe das nicht, kannst Du mir heute noch erledigen, …” fällt mir einfach leichter, wie um den heißen Brei zu reden, in der stillen Hoffnung, das merkt der schon. Mir fehlt hier einfach die Geduld.

In manchen Dingen war dieses Getrieben sein sicherlich schwer für mein Umfeld zu ertragen, doch genauer betrachtet, hat es sicherlich auch seine guten Seiten. Vielleicht hat es auch dazu beigetragen, dass es in unserer Beziehung selten langweilig war, und ich viele Unternehmungen vorschlug, von der unsere Beziehung auch profitiert hat. Manchmal benehme ich mich auch wie ein kleiner dummer Schuljunge, ohne mich an irgendwelche gesellschaftlichen Konventnionen zu halten. Sicherlich anstrengend, aber ich genieße es!

Manchmal hast Du Dich vielleicht auch gewundert, dass ich in irgendeiner Situation, Dinge von mir gebe, die unüberlegt sind und dazu führen können, dass sich manche Leute vor den Kopf gestoßen fühlen. Oftmals merke ich es erst dann, wenn es schon zu spät ist, und ich sage mir: “Hättest du besser dein Maul gehalten!” Sehr oft habe ich mich hierfür auch geschämt. Lange Rede kurzer Sinn: ich habe Probleme, eben diese Impulse zu kontrollieren. Wenn Du das merkst, darfst Du, bevor es zu spät ist, mir gerne ein Zeichen geben: Ans Schienbein hauen, mir zuzwinkern oder wie auch immer.

Meine Geschichte hat ja vielleicht auch seine guten Seiten. Ich glaube, ich kann Dinge relativ schnell erfassen und merke, wenn sich andere Menschen bei irgendeinem Unterfangen verzetteln: kurz um, Dinge auf den Punkt zu bringen, ohne darum herumzulabern, ist schon meine Stärke. Dafür darfst Du mich gerne missbrauchen.

Ich bin froh, Dir diesen Brief geschrieben zu haben, in der Hoffnung, dass Du mich besser verstehen kannst. Ich habe viel gelernt, auch viel wieder gegrübelt, aber auch die Kraft und den Mut in mir entdeckt, Dinge verändern zu können. Ich weiß, dass ich schon ein verrückter Kerl bin, und verrückt meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Schluss vielleicht noch eine kleine Geschichte, die mir damals zu denken gab und vielleicht auch auf mich passt:

In einem Gespräch machte mich mal ein Psychiater auf folgendes aufmerksam und stellte mir folgende Frage: “Wissen Sie eigentlich, woher das Wort verrückt kommt bzw. wie man es auch verstehen und deuten kann?”

“Äh”, sagte ich, “man sagt ja oft zu Menschen, sie seien verrückt, im Sinne von, die sind halt nicht ganz dicht.”

“Nehmen Sie das Wort verrückt mal in seiner ursprünglichen Bedeutung: nämlich ver-rückt, im Sinne von irgendetwas ist halt nicht an seinem Platz, wo man es vermutet, aber deswegen ist es nicht verschwunden, vielleicht nur woanders, man müsse es nur wieder zurecht- bzw. zusammenrücken, wie und wo, sei mal dahingestellt.” So in etwa habe ich unser kurzes Gespräch in Erinnerung.

Die Leere, die ich daraus für mich alleine gezogen habe, ist, dass alles nur ein bisschen ver-rückt ist, ich aber Hilfe und Unterstützung, aber auch Bestärkung brauche, alles wieder zurechtzurücken. Es würde mir viel bedeuten, wenn Du der Mensch bist, der mir dabei hilft.

Zum Schluss möchte ich Dir auch noch gerne eine kleine Geschichte erzählen, die mir in der Klinik wieder bewusst wurde. Vielleicht kennst Du sie. Sie stammt von dem Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen.

Er saß mal im Zoo und beobachtete die Pinguine und kam zu dem Schluss, dass Mutter Natur es wohl mit diesen Tieren nicht so gut gemeint hat: mit ihren Füßen können sie kaum laufen, watscheln nur herum, für jedes Beutetier eine dankbare Mahlzeit. Der ganze Körper ist im Verhältnus zum Kopf viel zu grpß oder der Kopf viel zu klein. Die armen Geschöpfe haben zwar Flügel, können aber nicht einmal fliegen und und und.

Jetzt passierte aber folgendes. Die zunächst an Land eher armseligen Kreaturen entwickelten, sobald sie im Wasser waren, ungeahnte Qualitäten. Der kleine Kopf bot kaum Wasserwiderstand, der Körper war stromlinienförmig, die Flügel der Turbo und mit den Füßen steuerten sie gekonnt durch das andere Medium. Jedes Beutetier würde sich wohl hier im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne ausbeißen.

Und so entwickeln auch wir Menschen ungeahnte Kräfte und Stärken, wenn wir nur ein Umfeld haben oder entdecken, in dem wir uns wohl fühlen.